|

Hochstrampeln und abfahren: Alpencross mit dem eMTB vom Brenner durch Südtirol

| Berge, MTB, Reise, Transalp

Blick aus unserem Lager in der Mahlknechthütte. Im Hintergrund: Der Rosengarten.

E-Bike und Seilbahn? Klingt nicht wie ein typischer Alpencross. Und trotzdem haben unser Gastautor Christof und sein Begleiter Axel tausende Höhenmeter Auf und Ab an sieben Tagen mit eigener Muskelkraft hinter sich gebracht. Die beiden haben sich für eine besondere Route über die Alpen entschieden und berichten von ihren vielen ersten Malen.

Wochen zuvor: Das erste Mal

Unsere erste Alpenüberquerung. Neudeutsch Alpencross. Mit dem Rad.
Oder genauer mit Axels niegelnagelneuem E-Mountainbike und meinem Einsteiger-Fully.

Alles begann mit einem  Weihnachtsgeschenk vor etlichen Jahren, einem Buch mit zig Varianten, die Alpen von Süddeutschland nach Italien zu queren. Viele Monate lag es auf dem Couchtisch, immer wieder blätterten wir darin herum, träumten von der großen Tour und dann, Anfang diesen Jahres, fiel der alles entscheidende Satz: „Wenn wir es dieses Jahr nicht tun, dann nie.“ Das setzte die Vorbereitungsmaschinerie in Gang: Viele Abende verbrachten wir damit, Landkarten zu studieren, Packlisten zu vergleichen, Hotels zu buchen, das Navi mit Karten und Routen zu füttern, das Fully noch schnell zur Inspektion zu bringen, Probe zu packen: Zwei Rucksäcke à viereinhalb Kilo inkl. Wasser, zwei Packtaschen für das E-Bike mit je fünf Kilo.

Und dann endlich: Wir stehen in Matrei am Brenner. Ehrfürchtig schauen wir auf den vor uns liegenden Weg nach Südtirol und durch die Dolomiten und beschließen, erst mal Pause zu machen. Als wir losfahren, warten 20 km in leichtem Bergauf bis zum Brennerpass auf uns.

Abfahrt vom Piz de Plaies.
Abfahrt vom Piz de Plaies.

Am Brenner: Der erste Cappuccino

Axel und ich fahren regelmäßig über den Brenner. Mit dem Auto, dem Fernbus oder der Bahn – auf dem Weg zur Hüttentour mit unserer Alpenvereinssektion oder zum Langlaufen, zum Trainingslager unseres Schwimmvereins, zum Urlaub an der ligurischen Küste oder zur Überfahrt nach Korsika. Zuletzt verbrachten wir spät abends eine Stunde in eisiger Kälte mit unseren Langlaufskiern, um den Grenzbahnhof irrend auf der verzweifelten Suche nach einer warmen Mahlzeit.

Heute rollen wir zur Mittagszeit ein und all die kleinen Cafés und Restaurants haben geöffnet. Die Gäste sitzen in der Sonne, bei Focaccia und Wein, sich unterhaltend.

Wir fahren etwas weiter und nehmen unseren ersten Cappuccino im winzigen Dorfcafé von Gossensass ein. Das kleine Örtchen Schabs, kurz hinter Franzensfeste wird unser erstes Etappenziel.

Rast unterhalb der Gerichtslinde in St. Vigil.
Rast unterhalb der Gerichtslinde in St. Vigil.

Bruneck: Der erste Plattfuß

Die zweite Etappe führt uns zunächst nach Bruneck. Die Fahrt durch das Pustertal zieht sich und ist nicht so spannend wie erwartet. Dafür wärmt uns die Frühlingssonne wohlig den Rücken.

Wir freuen uns auf unsere Jungfernfahrt mit Mountainbikes in einer Seilbahn. Zuerst aber noch etwas Verpflegung einkaufen, denn schließlich verlassen wir bald die Zivilisation – dachten wir irrigerweise, denn dazu kommt es die ganze Überquerung über nie wirklich. Wir kommen aus dem Supermarkt zurück, da steht das Vorderrad auf der Felge, der Reifen platt.

Kein Problem, der Tag ist noch jung und wir haben ja alles dabei. Wir flicken den Schlauch und pumpen, was das Zeug hält. Die Seilbahnfahrt erweist sich als komfortabel, längst sind die Bahnen auf Biker eingestellt.

Auf dem Kronplatz angekommen sind wir überwältigt von der Aussicht und vom Tourismus. Wir bleiben nicht lange. Denn eine Traumabfahrt in der Nachmittagssonne erwartet uns und dazu rund 1.000 Meter in die Höhe. In der Ferne zeigen sich die ersten Spitzen der Dolomiten. In St. Vigil soll uns eine Bahn auf den Piz de Plaies bringen. Doch leider fährt sie nicht. So strampeln wir ungeplante, zusätzliche 400 Höhenmeter hinauf und rufen schon mal in der Pension in Badia an, dass wir wohl spät einchecken werden.

Blick auf den Sella Stock.
Blick auf den Sella Stock.

Die Sellagruppe: Das erste große „Wow“

Mit unseren Rädern gondeln wir auf den Piz Sorrega. Wow, wir stehen mitten in einer Wiesenlandschaft, um uns das Sellamassiv, Kreuzkofel und Marmolada. Wir sitzen auf einem Baumstamm, gucken und staunen, staunen und gucken, dann brechen wir auf, denn der Campolongopass und das Städtchen Arraba erwarten uns. Zusammen mit einer Gruppe von Radlern aus Nordrhein-Westfalen „fliegen“ wir hinauf zur Porta Vescovo.

Nächstes Wow: Wir stehen im Angesicht der Marmolada. In der Tiefe glitzert ein Stausee, unser Blick wandert über Wald und Geröll bis zum Gletscher und den winzig kleinen gerade noch erkennbaren Skitourengehern. Dann geht unser Blick auf die grobe, rampige Schotterstraße, die uns erst hinab und dann wieder hinauf zum Passo Pordoi führen soll.

Blick auf die Marmolata von der Porta Vescovo.
Blick auf die Marmolata von der Porta Vescovo.

Das E-Bike mit den schweren Satteltaschen will nicht so recht durch den Schotter schwimmen, deshalb verlassen wir die Piste und fahren den Hang wild hinunter. Das geht schon besser, auch wenn die Satteltaschen beachtlich hüpfen.

Nach dem Pass geht es 11 km und 800 hm an einem Stück ins Tal Richtung Campitello. Dort gondelt uns die nächste Bahn auf die Col Rodella. Eine Gruppe Mountainbiker versucht sich an einer steilen schottrigen Abfahrt, Axel und ich entscheiden uns für den Wiesenweg.

Der Tag ist weit fortgeschritten und wir müssen einmal komplett um das Sellamassiv herum. Wir durchqueren das Gebiet der Seiser Alm, einer Gegend mit exzellentem Marketing, Wanderbussen und dreistelligen Übernachtungspreisen. Mit beginnender Dämmerung quälen wir uns bis zur Malknechthütte auf 2.054 m hinauf, wo wir mit leckerem Essen und einem Schlaflager für uns alleine belohnt werden.

Auf dem Weg zur Seiser Alm.
Auf dem Weg zur Seiser Alm.

Moena: Das erste Stoßgebet

Inzwischen haben wir gelernt, dass die Tage auf dem Rad sehr lang werden können. Die Seilbahnfahrten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass täglich über 1.200 Höhenmeter bergauf und rund 60 Kilometer gefahren werden.

Munter starten wir in den heutigen – wohl eher entspannten – Tag: Vom Malknechtjoch geht es durchs Val Duron und Val di Fassa mit Blick auf die Rosengartengruppe nach Moena, von dort in sieben Kilometern und nur 600 Höhenmetern hoch zum Karerpass, unserem nächsten Etappenziel.

Blick aus unserem Lager in der Mahlknechthütte. Im Hintergrund: Der Rosengarten.
Blick aus unserem Lager in der Mahlknechthütte. Im Hintergrund: Der Rosengarten.

Bevor es losgeht, gönnen wir uns in der Malga Roncac einen Apfelstrudel mit Vanilleeis und einen Cappuccino. In der Ferne braut sich ein Gewitter zusammen, das leider nicht in der Ferne bleibt, sondern uns auf dem Waldweg zur Passhöhe ereilt.

Wir kauern unter einem Baum, Hagel in Murmelgröße prasselt auf uns nieder, es blitzt und donnert, es ist dunkel und kalt.

Eine dreiviertel Stunde warten wir so, dann, als der Regen nachlässt, entscheiden wir weiterzufahren, bevor uns noch kälter wird. Auf dem Weg läuft uns das Wasser Furchen ziehend entgegen, ansonsten ist der Boden weiß vom Hagel. Unter unseren Reifen knirscht es. Donner und Blitz drehen die nächste Runde zwischen den hohen Berggipfeln um uns herum. Wir halten wieder an. Fünf Minuten warten wir völlig durchnässt und fahren dann doch weiter.

Wir kommen auf eine offene Wiese. Wieder blitzt es. Stoßgebet gen Himmel: Jetzt reichts aber auch mal! Wir treten in die Pedale, eine Hütte kommt in Sicht.

Der Hagel hat den Rosengarten weiß gezuckert.
Der Hagel hat den Rosengarten weiß gezuckert.

Auf dem Navi erkenne ich: Noch 150 Höhenmeter! „Keine Passhöhe ohne Hotels“, denke ich, also lassen wir eine weitere Hütte und die Station eines Sessellifts links liegen, dann ein Lichtkegel. Etwas oberhalb von uns tasten sich Autos durch das Allesgrau, auf der Straße am Passo di Costalunga steht das Wasser, dicht an dich drängen sich Motorradfahrer in ihren Lederklüften an den Häuserwänden, Axel und ich flüchten ins Hotel Savoy. Anruf in der Pension, von der wir nicht wissen, wo sie liegt: Ja, man könne uns abholen, was für ein Glück!

Erfreulicherweise sind am nächsten morgen fast alle Klamotten trocken, der Rest wird auf dem Sattel getrocknet. Als wir auf den Balkon unseres Hotelzimmers treten, begrüßt uns der Rosengarten vis à vis: weiß gezuckert. Wir danken unserem Hotelier, der uns abgeholt hat und mit einem Blick nach oben, dass unser Stoßgebet erhört wurde.

Genießer-Pause.
Genießer-Pause.

Durch Bergwald und stile Wiesenhänge nach Bozen

Vom Karerpass geht es über den Nigerpass, durch das Eggental nach Karneid und nach Bozen – immer bergab durch knorrigen Bergwald und steile Wiesenhänge. Am Nachmittag genießen wir das Treiben in der Stadt, den Betrieb in den Gässchen und auf den Plätzen.

Bozen: Weingüter und Schlösser. Ein Blick von der Wassermauer am Talfer.
Bozen: Weingüter und Schlösser. Ein Blick von der Wassermauer am Talfer.

Villanderer Almen:
Die Verlängerung

Wir beschließen, in Bozen den Tourenverlauf unseres Führers zu verlassen und planen eine Route über die Villanderer Almen Richtung Brixen.

Frühmorgens besteigen wir am nächsten Tag die letzte Seilbahn für diese Tour: Es geht nach Oberbozen und von dort aufs Rittner Horn. Auf der Hochebene begrüßen uns Schafherden und Haflinger, die zur Sommerfrische hier auf den Almen weiden. Ich spüre einen warmen Atmen und ein leises schnaufendes Beben neben mir: da schnuppert eine großer Pferdekopf an meinem Fahrradlenker. Man könnte meinen, das Tier schaut mir über die Schulter, als ich den weiteren Weg im Navi suche.

Wir fahren weiter über das Almgelände zwischen Eisacktal und Sarntaler Alpen. Bevor wir zum bekannten Wallfahrtsort Latzfons abfahren, kehren wir noch auf der Stofflhütte ein, blicken auf das Rittner Horn, die Dolomiten jenseits des Eisacktals und zeichnen in die Weite blickend voller Freude unsere Tour nach.

Am letzten Abend unserer Reise werden wir auf unserem Hotelbalkon Zeuge eines spektakulären Gewitters, das über der Plose aufzieht und die Dolomiten in ein geheimnisvolles Silberlicht taucht.

Gewitterstimmung jenseits des Eisacks. Blick von Lazfons.
Gewitterstimmung jenseits des Eisacks. Blick von Lazfons.

Der siebte Tag

Noch einmal klettern wir mit unseren Rädern hinauf auf 1.900 m. Es ist kalt geworden. Und windig. Seit geraumer Zeit regnet es.

In der Klausener Hütte am Fuße der Sarntaler Apen wärmen wir uns am Kachelofen, selbstgebackener Kuchen und heiße Schokolade wecken unsere Lebensgeister. Als der Regen nachlässt, schwingen wir uns aufs Rad. Es erwartet uns eine nicht enden wollende Abfahrt ins quirlige Brixen. Dort steigen wir wieder in den Zug – um die Mittagszeit werden wir glücklich Richtung Brenner gefahren.

Während der Nieselregen an den Scheiben herunter rinnt, lassen wir unsere letzte Woche Revue passieren …

Vom Nigerpass ins Eggental: Kurze Rast am Schillerhof.
Vom Nigerpass ins Eggental: Kurze Rast am Schillerhof.

Infos

Route & Etappen

Tag 1: Matrei – Brenner – Mühlbach
70,5 km, 694 m bergauf, 910 m bergab.

Tag 2: Mühlbach – Abtei
63 km, 957 m bergauf, 2140 m bergab, 1748 m bergauf mit Seilbahn

Tag 3: Abtei – Mahlknechthütte
60 km, 1200 m bergauf , 2877 m bergab, 2275 m bergauf mit 3 Seilbahnen

Tag 4: Mahlknechthütte – Karerpass
32 km, 942 m bergauf, 1118 bergab.

Tag 5: Karerpass – Bozen
38 km, 422 m bergauf, 1750 bergab.

Tag 6: Bozen – Lazfons
43 km, 1312 m bergauf, 1881 bergab, 1450 m bergauf mit 2 Seilbahnen.

Tag 7: Lazfons – Klausener Hütte – Brixen
29 km, 1136 m bergauf, 1900 m bergab.

Anreise

Mit Auto oder Bahn über Rosenheim, Kufstein, Innsbruck zum Brenner.

Unterkünfte

Hütten, Pensionen und Hotels in jeder Preisklasse in praktisch jedem Ort unterwegs.

Literatur

Stürzel, Mario: Alpencross light. 15 leichte Mountainbiketouren quer durch die Alpen, München: Bruckmann 2014

Werbung
Werbung

Keine Kommentare mehr möglich