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Einsame Winterraum-Tour: Mit Schneeschuhen auf‘s Kärlingerhaus

Lang ausgemachte Touren verändern durch aktuelle Gegebenheiten häufig und spontan ihren Charakter – sei es durch Änderungen bei den Begleitern aufgrund gesundheitlicher oder privater Gründe oder durch einen unerwarteten Wintereinbruch. So wird aus einer geplanten gemütlichen Herbstwanderung mit Winterraum-Übernachtung schnell eine hochalpine Unternehmung auf Schneeschuhen.

Für das letzte Wochenende war schon seit rund einem halben Jahr eine Führungstour für die DAV-Sektion Eichstätt angesetzt für die ich als Wanderleiter tätig bin. Das Ziel war eine Wanderung mit einer Winterraum-Übernachtung zu kombinieren, ein genaues Ziel nicht festgelegt, um für einen eventuellen Wintereinbruch gewappnet zu sein. Letztendlich hatte ich als Tour eine kleine Watzmannumrundung geplant: Aufstieg über das Wimbachgries und den Trischübel hinauf zum Kärlingerhaus, Übernachtung und am zweiten Tag Abstieg hinunter nach St. Bartholomä und mit dem Elektroschiff „als Zuckerl“ über den Königssee entspannt zurück nach Schönau. Bei normalen herbstlichen Verhältnissen eine wunderbare Runde um den Watzmann.

Bild mit Seltenheitswert; Stille am Königsse

Bild mit Seltenheitswert: Stille am Königssee

Nach den vorangehenden Schneefällen und angekündigtem Wetterumschwung wird allerdings schon vor dem Start umgeplant: Statt durch das Wimbachgries steigen wir um 9.45 Uhr lieber in das Elektroboot, das uns leise über den Königssee schippert. Wir wollen von Sankt Bartholomä durch die Saugasse aufsteigen und am Sonntag auch hier wieder absteigen. Zu unklar ist, ob wir den Weg über den Trischübel auch finden, ob schon jemand vorgespurt hat und wann der Schneefall einsetzen wird.

Am Bootssteg ist noch nicht viel los und außer etwas irritiert dreinblickenden fernöstlichen Touristen ist nur noch eine kleine Gruppe Bergwanderer mit an Bord, die aber in Richtung Gotzenalm aufsteigen wollen und schon an der Haltestelle „Kessel“ aussteigen. In Sankt Bartholomä angekommen machen wir uns mit den vollbepackten Rucksäcken samt Schneeschuhen alleine auf den Weg in Richtung Kärlingerhaus. Je nach Wegweiser stehen und wohl zwischen 3,5 und 5 Stunden Aufstieg bevor.

Kurz vor der Saugasse

Kurz vor der Saugasse

Zuerst geht es gemütlich am See entlang, kurz durch ein Bachbett und dann langsam hinauf zum Schrainbach-Wasserfall. Ab hier in mehreren Kehren hinauf oberhalb des Schwalbach mit immer mehr weiß gezuckerter Landschaft. An der Holzstube, einer kleinen Hütte, machen wir kurz Rast. Die Wolken hängen immer noch tief über uns und es bleibt uns der Blick nach oben in die Hachelköpfe verweht.

Weiter geht es durch den immer mehr verschneiten Wald hinauf. Auf den Bäumen liegen rund 20 Zentimeter Schnee der letzten Woche. Noch geht es sich gut ohne Schneeschuhe und wir kommen auf dem Weg gut voran. Schneeschuhe sind hier noch nicht notwendig und die Wege von Mensch und Tier noch gespurt. Bis zum nächsten Abzweig: Einige Spuren gehen noch in Richtung Sigeretplatte weiter, unser Weg in Richtung Saugasse ist unverspurt und liegt jungfräuliche verschneit, aber klar erkennbar vor uns.

Am Ende der Saugasse

Am Ende der Saugasse

Aufstieg durch die winterliche Saugasse

Ab und zu müssen wir uns zwischen umgestürzten Bäumen durchzwängen, über alte Baumstämme kraxeln, bevor der Knackpunkt der Tour vor uns liegt: Die Saugasse mit ihren 28 Kehren in steilem Gelände. Links und rechts hohe Felswände, von denen im Winter Lawinengefahr ausgeht. Auch der Grund, weshalb die Tour im Dezember und Januar nur wenig begangen wird. Erst wenn sich der Schnee gut gesetzt hat und die Lawinenwarnstufe gering ist, verirren sich desöfteren Schneeschuhgeher hier herauf. Der meiste Verkehr findet im Winter eher auf der „Großen Reibn“ statt, die vom Jenner kommend über die Gotzenalm zum Kärlingerhaus und weiter über das Ingolstädter Haus hinüber zum Wimbachgries zieht.

Wir greifen derweil den Aufstieg an: Eine Kehre nach der anderen überwinden wir stoisch bis der Schnee zu tief wird und wir auf die Schneeschuhe wechseln. Dazu nutzen wir einen kleinen Felsvorsprung, in dem eine kleine Kapelle eingerichtet ist. Teilweise nehmen wir auch eine etwas direktere Route, um den steilen Felswänden nicht allzu nah zu kommen. Immer wieder kommen kleine Eisbrocken aus den Steilwänden oberhalb geflogen und das Risiko von diesen getroffen werden wollen wir nicht eingehen. Der späte Start in die Tour aufgrund der späten ersten Schifffahrt wird hier zum Risiko.

Letzer Aufstieg…

Letzer Aufstieg…

Eine Stunde später haben wir den Kampf aber gewonnen und stehen oberhalb der Saugasse und auch oberhalb der Wolkendecke. Wir genießen den Ausblick auf die Hachelköpfe und den sich leider in Wolken hüllenden Watzmann. Vor uns sehen wir die weitere Tour und die Sonne, die langsam hinter Schneiber und Hirsch verschwindet. Ab hier zieht sich der Weg stetig ansteigend durch das Ofenloch und die kleine Saugasse und diverse Latschenhänge hinauf bis auf 1.670 Meter. Die Route ist durch Tiere gut verspurt und recht einfach zu finden. Anscheinend benutzen nicht nur die Menschen die Pfade.

Durch eine wunderbar verschneite Landschaft steigen wir stetig bergauf bis sich vor und der Viehkogel erhebt. Nach einem kurzen Abstieg liegt unser Etappenziel vor uns: Das Kärlingerhaus und dahinter der verschneite Funtensee. Keine Spuren führen zu unserem Ziel. Unversperrt liegt der Schnee vor uns.

Das Tagesziel im Blick

Das Tagesziel im Blick

Gemütliche Übernachtung im Winterraum

Das Kärlingerhaus mit seinem 200 Betten steht heute allein für uns an seinem einsamen Aussichtspunkt. Schnell haben wir den Winterraum gefunden, klopfen den Schnee von den Schuhen und machen es uns gemütlich: Fensterläden auf, den Ofen geschürt, Schnee zum Schmelzen aufgesetzt und eine erste schnelle Suppe auf dem mitgebrachten Gaskocher gekocht.

Langsam kommt Wärme in den seit zwei Wochen leer dastehenden Raum. Wir machen es uns gemütlich, kochen Abendessen, trinken noch etwas selbst mitgebrachtes Bier und freuen uns über wie wenig man zum Glücklichsten braucht. Der Abend endet recht früh, aber gemütlich im Daunenschlafsack liegend…

Gemütlich: Der Winterraum des Kärlingerhaus

Gemütlich: Der Winterraum des Kärlingerhaus

 

Neuer Tag, neuer Schnee

Der nächste Morgen bringt die Aussicht auf 20 Zentimeter Neuschnee. Die gestern Abend noch sichtbaren Gipfel sind heute früh hinter Wolkenschwaden und herunterschießenden Monster-Schneeflocken versteckt. Nach einem ausführlichen Frühstück mit Kaffee, Tee, Kuchen und Müsli packen wir wieder zusammen, machen im Winterraum wieder klar Schiff, schließen die Fensterläden und die Tür hinter uns und stapfen hinaus in den tiefen Schnee.

Kurz bergauf, dann lange bergab…

Kurz bergauf, dann lange bergab…

Bei jedem Schritt taucht man butterweich ein wie in eine weiße Bettdecke. Weich abgefedert jeder Schritt. Die Rucksäcke glücklicherweise auch leichter als gestern geht es heute nach einem kurzen ersten Aufstieg nur noch hinab. Auch die Saugasse hat heute ihren Frieden gefunden: Still und steil liegt sie vor uns. Einige Spuren von Gämsen führen steiler hinab als wir mit unseren Schneeschuhen gehen wollen. Wir gehen die Kehren lieber aus und freuen uns über den Schnee, der alles bedeckt.

Am Ende der Saugasse werfen wir nochmal einen Blick hinauf. Für die nächsten Wochen waren wir wohl die letzten, die hier ihre Spuren hinterlassen haben.

Blick in die Saugasse

Blick in die Saugasse

Uns erwartet bis knapp oberhalb des Sees ein schöner Abstieg durch den verschneiten Winterwald. An der Holzstube legen wir die Schneeschuhe ab und gehen mit den Wanderstiefeln weiter. Oberhalb des Schrainbach-Wasserfalls wird es durch die Mischung aus Blättern und Schnee recht glitschig, aber hier hilft glücklicherweise ein Stahlseil und entschärft die Gefahr. Unten am See wird es dann recht ekelig: Wir haben die untere Schneefallgrenze erreicht und bekommen recht unsanft ein Schneeregen-Gemischt ins Gesicht gepeitscht. Glücklicherweise kommt das nächste Schiff zurück nach Schönau genau mit uns an und nimmt uns wieder mit hinaus.

Nach zwei Tagen alleine in der Einsamkeit der Berchtesgadener Alpen sind wir froh, dass sich aufgrund des Wetters heute die Touristen in Grenzen halten und wir fast alleine auf dem Schiff zurückkehren und durch die fast verlassenen Gassen von Schönau zurück zum Auto laufen dürfen. Die Saison ist hier definitiv zu Ende. Nicht nur die der Geschäfte, sondern auch die Wandersaison 2017. Glücklicherweise beginnt jetzt die neue Schneeschuh- und Skitourensaison…

Ende der Saison

Ende der Saison

Tour:

Aufstieg mit Schneeschuhen 6h, Abstieg 4h,
Aufstieg/Abstieg Gesamt: 1460hm
20 km, 10h

Anfahrt:

Der Königssee erreicht man über die Autobahn A8 München-Salzburg, Ausfahrt Bad Reichenhall. Dann über Berchtesgaden nach Schönau am Königssee. Parken am kostenpflichtigen Parkplatz.

Ausrüstung:

Schneeschuhe, LVS, Schaufel, Sonde, Wechselkleidung, (Daunen-)Schlafsack und komplette Verpflegung für Winterraum-Übernachtung, Feuerzeug/Streichhölzer, Bargeld,…

Hinweis:

Die Tour befindet sich in lawinengefährdeten Gelände, alpine Erfahrung definitiv notwendig, keine Einsteigertour! Die Tour kann nur bei absolut sicheren Schneeverhältnissen empfohlen werden. Mit Tourenski empfiehlt sich im Hochwinter der Zustieg über Jenner und Gotzenalm oder über das Ingolstädter Haus entsprechend der „Großen Reibn“.

Der Winterraum des Kärlingerhaus ist unverschlossen, Strom für Beleuchtung und Holz zum Heizen ist normalerweise vorhanden. Kosten: 13€ pro Nacht für DAV-Mitglieder, 26€ pro Nacht für Nicht-Mitglieder.

Letze Rückfahrt der Königssee-Schifffahrt im Winter bereits um 16:20 Uhr, in St. Bartholomä gibt es keine Übernachtungsmöglichkeit!

Literatur:

Winterwandern Berchtesgaden – Chiemgau – Salzburg. 50 Wander- und Schneeschuhtouren mit Tipps zum Rodeln.
Mit GPS-Daten (Rother Wanderbuch)

Chiemgauer Alpen: Mit Berchtesgadener Alpen und Kaisergebirge.
53 Schneeschuhtouren. Mit GPS-Tracks. (Rother Schneeschuhführer)

Steinernes Meer: Wegmarkierungen und Skirouten
– Topographische Karte 1:25.000 (Alpenvereinskarten)

 

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