Der Blick hinunter zum Königssee hält uns einen Moment lang fest. Tief unten gleitet eines der Elektroboote lautlos über das dunkle Wasser. Drüben liegt St. Bartholomä, irgendwo dort drüben hallen jetzt Trompetenklänge über den See und auf den Terrassen werden Räucherfische serviert. Ein verlockender Gedanke. Doch wir drehen uns um und steigen weiter bergauf.
Vier Tage wollen wir unterwegs sein. Auf der Ostseite in einem Halbkreis um den Königssee, durch das Hagengebirge und hinüber zum Rand des Steinernen Meeres. Eine Tour mit langen Etappen, vielen Höhenmetern – und mit Ausblicken, die einem immer wieder den Schritt verlangsamen.







Über dem Fjord ins alpine Gelände
Der Parkplatz am Königssee ist voll wie immer. Tagesgäste strömen zur Jennerbahn oder zum Bootsanleger. Nur wenige tragen große Rucksäcke wie wir.
Der Weg zieht sofort steil an. Schon nach wenigen Minuten läuft der Schweiß. Bald jedoch taucht der Pfad in den schattigen Bergwald ein und windet sich über den Hochbahnweg zur Königsbachalm hinauf. Zwischen den Bäumen blitzt immer wieder der Königssee hervor – dunkelblau, tief eingeschnitten zwischen steilen Felsflanken. Von oben wirkt er tatsächlich wie ein Fjord.
Unterhalb des Jenners geht es weiter hinauf zum Schneibsteinhaus. Die gut tausend Höhenmeter sind technisch einfach, aber sie ziehen sich. Als wir schließlich ankommen, fällt der Rucksack mit einem dumpfen Schlag auf den Boden.
Links der Hohe Göll, rechts der Schneibstein – und gegenüber der Watzmann, der hier über allem zu wachen scheint. Ein Abendessen, ein kühles Bier, und langsam stellt sich das Gefühl ein, unterwegs und gleichzeitig angekommen zu sein.










Karst, Gipfel und ein eiskalter See
Am nächsten Morgen wartet gleich der erste Gipfel. Durch Latschenfelder steigen wir zum Schneibstein auf. Der kleine Herrgott am Kreuz schaut auf ein Panorama, das kurz innehalten lässt: der Hohe Göll im Rücken, das Tennengebirge im Osten, das Steinerne Meer im Süden, weit unten der Königssee.
Der Weg führt weiter über karge Karstflächen. Steinmänner weisen durch eine Landschaft aus Kalk, Rinnen und Schneefeldern.
Dann liegt plötzlich der Seeleinsee vor uns. Ein kleiner Bergsee, eingeklemmt zwischen den Felsen des Hohen Gölls. Die Pause fällt länger aus – das Wasser ist so kalt, dass man die Füße kaum länger als ein paar Sekunden hineinhalten kann. Trotzdem können wir uns ein kurzes Bad nicht verkneifen,
Der weitere Weg verlangt Ausdauer. Zuerst ein kurzer Aufstieg auf das Hochgschirr. Danach folgt ein langer Abstieg, dann wieder Gegenanstiege und ausgesetzte Querungen. Tief unten glänzt der Obersee neben der Fischunkelalm.
Als wir am späten Nachmittag die Wasseralm erreichen, ziehen Wolken auf. Kurz darauf beginnt es zu regnen, Nebelschwaden ziehen über die Wiesen. Drinnen wartet eine heiße Suppe – draußen grasen seelenruhig Rehe vor den Hütten.
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Der Funtensee im Nebel
Der Regen bleibt. Eigentlich wollten wir heute tiefer ins Steinerne Meer hineinsteigen. Doch das Wetter zwingt uns zum Umplanen. Durch Nebel steigen wir zum Halsköpfl hinauf – eine großartige Aussichtsloge über dem Königssee. Heute sehen wir kaum zwanzig Meter weit.
Also weiter, vorbei am Schwarzensee und später am Grünsee. Der Weg zieht langsam höher, bis wir die Wegkreuzung oberhalb der Saugasse erreichen. Vorher wird es noch einmal steil, der Rucksack drückt, und trotz Regen kommen wir ordentlich ins Schwitzen.
Dann taucht das Kärlingerhaus aus dem Nebel auf.
Der Funtensee liegt darunter in einer grauen Mulde. Ein stiller Ort, bekannt als einer der kältesten Punkte Deutschlands. Heute wirkt er einfach nur rau und einsam.
Drinnen ist die Stube voll, draußen prasselt der Regen. Und dann sorgt ein Blick auf die Getränkekarte für einen kurzen Moment der Fassungslosigkeit: 8,50 Euro für eine Halbe Bier. Auch ein Gipfel.










36 Kehren zurück zum Königssee
Am letzten Morgen regnet es noch immer. Vom Kärlingerhaus geht es zunächst leicht bergauf, bevor der lange Abstieg beginnt.
Der Weg durch die Saugasse zieht sich in 36 Kehren hinunter zum Königssee. Mit jedem Schritt wird die Luft wärmer, der Wald dichter. Irgendwann schimmert zwischen den Bäumen wieder das Wasser. Vier Tage waren wir über diesem See unterwegs.
Unten angekommen lassen wir uns noch einmal ins kalte Wasser fallen. Danach geht es ins Fischerstüberl: geräucherte Renken, ein kaltes Getränk und ein letzter Blick über den Königssee.
Wenig später gleitet das Elektroboot lautlos zurück nach Schönau. Während die Felswände langsam vorbeiziehen, laufen die letzten Tage noch einmal durch den Kopf: Gipfel, Karstflächen, Nebel, Hüttenabende – und dieser Blick auf eine der eindrucksvollsten Landschaften der Ostalpen.
Vier Tage auf dem Berchtesgadener Gipfelweg. Eine Runde, die lange nachwirkt.









Toureninfo: Berchtesgadener Gipfelweg
Anspruchsvolle Mehrtagestour am Königssee für erfahrene Bergwanderer. Lange Etappen mit vielen Auf- und Abstiegen, teilweise ausgesetzte Passagen im alpinen Gelände. Grandiose Ausblicke auf Watzmann, Hagengebirge, Steineres Meer und den tief eingeschnittenen Königssee.
Karte und GPS-Track zum Download
Die Etappen
1. Tag: vom Königssee zum Schneibsteinhaus
Parkplatz Königssee – Königsbachalm – Schneibsteinhaus
Gehzeit: ca. 4:30 h
Aufstieg: 1.050 hm
Abstieg: 0 hm
Höchster Punkt: 1.670 m
Übernachtung: Schneibsteinhaus
2. Tag: vom Schneibsteinhaus zur Wasseralm
Schneibsteinhaus – Schneibstein – Seeleinsee – Hochgschirr – Landtal – Wasseralm
Gehzeit: ca. 8:00 h
Aufstieg: 1.098 hm
Abstieg: 1.335 hm
Höchster Punkt: 2.276 m
Übernachtung: Wasseralm
3. Tag: von der Wasseralm zum Kärlingerhaus
Wasseralm – Lange Gasse – Niederbrunnsulzn – Kärlingerhaus
Gehzeit: ca. 8:00 h
Aufstieg: 1.015 hm
Abstieg: 796 hm
Höchster Punkt: 2.368 m
Alternative (bei schlechtem Wetter)
Wasseralm – Halsköpfl – Grünsee – Kärlingerhaus
Gehzeit: ca. 3:30 h
Aufstieg: 640 hm
Abstieg: 425 hm
Höchster Punkt: 1.720 m
Übernachtung: Kärlingerhaus am Funtensee
4. Tag: vom Kärlingerhaus zum Königssee
Kärlingerhaus – Saugasse – St. Bartholomä – Königssee
Gehzeit: ca. 4:00 h
Aufstieg: 100 hm
Abstieg: 1.100 hm
Höchster Punkt: 1.670 m
Start / Ziel
Parkplatz Königssee, Schönau am Königssee
Anreise
Mit der Bahn und Bus nach Berchtesgaden und mit dem Bus weiter nach Schönau am Königssee.
Mit dem PKW: Aus Deutschland kommend über die Autobahn A 8 München-Salzburg (Ausfahrt: Bad Reichenhall), aus Österreich über die A10 Salzburg-Villach oder über die A1 Salzburg – Wien.
Voraussetzungen
Sehr gute Kondition für lange Bergtage, Trittsicherheit und Bergerfahrung erforderlich.
Beste Zeit
Juni bis September (je nach Schneelage)
Übernachtung
Schneibsteinhaus – Wasseralm – Kärlingerhaus
Die Übernachtungen können auch als Paket über die Sektion Berchtesgaden des Deutschen Alpenverein gebucht werden.
Literaturempfehlung
Rother Wanderführer „Königssee – Nationalpark Berchtesgaden, Watzmann“
Der kompakte Klassiker für Wanderer und Bergsteiger im Gebiet. Der Führer beschreibt rund 45 ausgewählte Touren im Nationalpark Berchtesgaden, von gemütlichen Talwanderungen bis zu anspruchsvollen Gipfeltouren. Mit Karten, Höhenprofilen und präzisen Wegbeschreibungen.
KOMPASS Wanderführer „Königssee – Nationalpark Berchtesgaden – Watzmann“
Umfangreicher Tourenführer mit 42 Touren rund um Königssee, Watzmann und Steinernes Meer, ergänzt durch eine herausnehmbare Karte und GPX-Daten. Besonders geeignet für Wanderer, die mehrere Touren in der Region planen.
Packliste mehrtägige Hüttentour
Rucksack
Touren-Rucksack ca. 30-40l
Schuhe
Bergstiefel Kategorie B oder B/C mit fester Sohle oder Leicht-Bergstiefel
Gamaschen, evtl. Grödel
Kleidung
Tourenhose (Softshell oder Hardshell)
Funktionsshirts langarm, kurzarm
Softshell/Fleece/Pulli
Hardshell-Jacke (Regenjacke)
Hardshell-Hose (Regenhose)
(Funktions-)Unterwäsche
Trekkingsocken
Handschuhe & Mütze
Kleinkram
Sonnenbrille
Bequeme Hose für Hütte/abends
Flipflops/Hüttenschuhe
Hüttenschlafsack
Mobiltelefon, Ladegerät, Ersatzakku
Erste Hilfe Set, Blasenpflaster
Handtuch (Mikrofaser)
Zahnbürste/Zahnpasta/Duschgel
Sonnencreme (LSF 50!)
Stirnlampe
Trekkingstöcke
Geldbeutel mit Bargeld, EC-Karte, AV-Ausweis, Personalausweis
Verpflegung
etwas Brotzeit für unterwegs (Brot, Wurst, Käse, Müsliriegel,…)
(Thermo-)Wasserflasche (mindestens ein Liter)
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